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„Über die Schwelle“. Ein Film mit und über Walter Ruge

aufgeschrieben von Iris Korwie

Am 27. Januar, dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, wurde nach der Kranzniederlegung am Mahnmal auf dem Friedensplatz in der  Stadtbibliothek „Martin Luther“ in Zeitz ein ganz besonderer Film gezeigt. Ein Team junger Filmemacher der Babelsberger Filmhochschule um den Regisseur Stefan Mehlhorn hatte den Zeitzeugen Walter Ruge auf der Reise in die Vergangenheit zu dem Ort seiner Verbannung nach Sibirien begleitet.

Mitgebracht hatte den Film Dr. Wolfram Adolphi aus Potsdam, der auch einige Worte über Walter Ruge und die Filmemacher sprach.

Der Film beginnt damit, das Walter Ruge die jungen Filmemacher zu sich nach Hause einlädt und ihnen mit typisch Berliner Schnauze herzlich und direkt seine Geschichte erzählt. Er war 1915 in Berlin zur Welt gekommen, ist dort zur Schule gegangen und hat einen Beruf erlernt. Sein Vater war Kommunist und auch er trat als junger Mensch der Kommunistischen Partei bei. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten konnte er als links denkender und fühlender Mensch nicht mehr in Deutschland bleiben und ging in die Sowjetunion. Er war voller Sympathie für dieses Land und wollte Russe werden und beim Aufbau des Kommunismus dabei sein. Moskau war zu dieser Zeit eine große Baustelle. Die Metro wurde gebaut und man brauchte Arbeitskräfte. Er begann als Hilfsarbeiter beim Metrobau, lernte schnell die russische Sprache und hatte viele russische Freunde. Später wurde er als Spezialist für Röntgentechnik am Moskauer Institut für kriegswichtige Entwicklungen gebraucht. Er war bereit alles dafür zu tun, um eine deutsche Invasion in Russland zu verhindern. Aus diesem Grund kritisierte er den Freundschaftsvertrag, den Stalin mit Hitler geschlossen hatte. Er wurde denunziert und im Jahr 1939 zu 10 Jahren Lagerhaft wegen volksfeindlichem Verhalten verurteilt, dabei war er ein Freund der Sowjetunion. Zusammen mit anderen „Volksfeinden“ brachte man ihn im Güterwagon gen Osten, nach Omsk. Dort wurde gerade ein Flugzeugwerk neu gebaut und die Gefangenen mussten unter unsäglichen Bedingungen arbeiten. Er verrichtete stumpfsinnig seine Arbeit. Die Hoffnung, das sich alles zum Guten wenden wird, gab ihm die Kraft durchzuhalten. Er hatte Glück, die Lagerärztin suchte jemanden, der sich mit Röntgentechnik auskennt. Er hatte das studiert und so wurde er Arzthelfer im Lager und seine Situation verbesserte sich etwas. Nach der Hälfte der Lagerzeit wurde er nach Sibirien gebracht, in eine Stadt jenseits des Polarkreises am Fluss Jenissei. Dort wollte Stalin eine Eisenbahnverbindung bis nach Alaska bauen lassen. Die Weite und Schönheit der Landschaft, der große Fluss und die Menschen mit denen er dort lebte, entschädigten ihn für die Entbehrungen der Lagerhaft. Für Walter Ruge war Stalin ein größenwahnsinniger Diktator, der den Tod von hunderttausend Kommunisten zu verantworten hatte. Ruge durfte als Feind des sowjetischen Volkes auch nach seiner Haft den Ort 25 Jahre nicht verlassen. Als Stalin 1953 starb, wurde der Bau der Bahnstrecke eingestellt. Im Jahr 1954 konnte er über die Botschaft der DDR wieder Kontakt zu seiner Mutter in Berlin aufnehmen. Es wurde ihm die Ausreise in die DDR freigestellt. Zu dieser Zeit hatte er gerade seine spätere Frau Irina kennen gelernt und wollte mit ihr zusammen bleiben. Gemeinsam mit seiner Frau kehrte er dann 1958, nach fast zwanzig Jahren Sowjetunion, zurück nach Deutschland in die DDR. Er blieb seinen linken Idealen treu und wurde Mitglied in der SED. Er wollte sich für ein friedliches, besseres Deutschland einsetzen. Bei der DEFA fand er Arbeit als Fotograf und Nebendarsteller in verschiedenen Filmen.

Nach fast 50 Jahren kehrte er mit dem jungen Filmteam zurück nach Sibirien. Er freute sich darauf, den gewaltigen Jenissei wieder zu sehen und traf sich mit Mitarbeiterinnen eines Museums, die diese schwere Zeit für die Nachkommen im Gedächtnis bewahrten. Es war aber auch der Ort, an dem er seine große Liebe fand. Seine Frau Irina war vor vier Jahren verstorben. Darüber war er sehr traurig und die Erinnerung an schöne Zeiten mit ihr setzen ihm besonders an dem Ort ihres ersten Zusammenseins zu.

Oft sprach er gerade mit jungen Menschen über die Zeit in der Sowjetunion und erzählte seine Geschichte mit viel Humor, der ihm bis zum Lebensende nicht verloren gegangen ist.

Bilder zur Filmveranstaltung

Dr. Wolfram Adolphi
Dr. Wolfram Adolphi
ein gespanntes Zeitzer Publikum
ein gespanntes Zeitzer Publikum
Karin Denk
Karin Denk
Bildnis Walter Ruges
Bildnis Walter Ruges