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Mit Bässen gegen Aufmarsch (aus: Mitteldeutscher Zeitung, Weißenfelser Ausgabe vom 17.12.2012)

In der Weißenfelser Marienkirche fand am Samstagnachmittag eine Kerzenandacht statt. Nicht nur der Bundestagsabgeordnete Roland Claus (Die Linke, links) und Stadtratsvorsitzender Jörg Freiwald (Zweiter von links) zündeten Kerzen an.FOTOS: PETER LISKER
In der Weißenfelser Marienkirche fand am Samstagnachmittag eine Kerzenandacht statt. Nicht nur der Bundestagsabgeordnete Roland Claus (Die Linke, links) und Stadtratsvorsitzender Jörg Freiwald (Zweiter von links) zündeten Kerzen an.FOTOS: PETER L

PROTEST Weißenfelser zeigen Flagge gegen Demonstration von Neonazis in der Stadt: mit Musik, mit Worten und Kerzen.

VON TORSTEN GERBANK

WEISSENFELS/MZ- Bässe donnern über die Saale - und Worte gleich mit: "Nazis sind in Weißenfels nicht willkommen!" Jörg Freiwald (Die Linke, Stadtratsvorsitzender) wird es am Sonnabend zwischen 12 und 14 Uhr nicht müde, diesen Ausruf auf dem Weißenfelser Stadtbalkon neben der Pfennigbrücke ins Mikrofon zu sprechen. Auf dass er deutlich am anderen Ufer der Saale ankommt. Denn dort hat sich zur Mittagszeit eine Gruppe Neonazis versammelt, deren Größe die Polizei mit rund 110 Personen angibt. Die Gruppe trifft sich, um durch Weißenfels zu marschieren, die Merseburger Straße hinauf, zum Märchenbrunnen und zurück bis zum unteren Teil der Langendorfer Straße, dann wieder zum Bahnhof. Begleitet wird der Marsch von einem massiven Polizeiaufgebot. Der Verkehr wird behindert. "Unfassbar, dass so eine Demo möglich ist", sagt eine Frau, die mit ihrem Auto im Stau steht.

Die Stadt habe den Aufmarsch rechtlich nicht verhindern können, hatte Oberbürgermeister Robby Risch (parteilos) schon im Vorfeld gesagt. Aber: Das Weißenfelser "Bündnis für Toleranz - gegen Rechtsextremismus und jede Gewalt" hat dazu aufgerufen Zeichen zu setzen, dass die Stadt nicht gewillt ist, Neonazis widerstandslos hinzunehmen. Und so treffen sich am Saaleufer etwa 60 Bürger zum Protest mit Musik. Später, zur Andacht und Mahnwache in der Laurentiuskirche in der Merseburger Straße, kommen etwa 20 Gäste und um die 80 sind es am Nachmittag in der Marienkirche bei einer Kerzenandacht. Dort sagt Risch unter anderem: "Es macht Mut, dass es den Neonazis trotz großer Propaganda nur gelungen ist, 110 Leute aus einem breiten Einzugsbereich zu aktivieren, in Weißenfels zu demonstrieren." Die Demonstranten, so der Oberbürgermeister, sind unter anderem aus Halle, Leipzig, Erfurt und Jena gekommen. Die wenigsten, so Beobachter, seien aus Weißenfels. "Weil wir uns engagiert haben, weil wir gesagt haben: stopp", auch deshalb hätten die Demonstranten ihre ursprünglichen Ziele in Weißenfels nicht umsetzen können, so der Verwaltungschef. Laut Anmeldung sei geplant gewesen, die Demonstration sechs Stunden durchzuführen und mit viel mehr Halts, um Stärke zu zeigen. "Das ist nicht gelungen", resümiert Risch. "Nach zweieinhalb Stunden war der Spuk vorbei."

Zu denen, die zum Protest ans Saaleufer gekommen sind, gehört Hans Wolfram aus einem Dorf bei Naumburg: "Ich will einfach Flagge zeigen gegen diese braune Brut", sagt er. Eine Gruppe Jugendlicher brüllt derweil immer wieder "Nazis raus!" und untermauert ihre Worte mit deutlichem Fingerzeig. Freiwald resümiert, dass es immer schwer falle, sich offen gegen rechts zu bekennen, weil eben "die Rechten mit Einschüchterung und Gewalt arbeiten". Er freue sich, dass dennoch "sehr viele Menschen da sind". Sie seien gekommen, wegen eines eindeutigen politischen Bekenntnisses. "Sie zeigen, dass sie gegen das rechte Erwachen in dieser Stadt sind", so Freiwald. Klar habe er sich gewünscht, dass noch mehr Courage zeigen, aber wichtig sei gewesen, dass die Stadt Flagge gezeigt habe. "Und das ist gelungen, wir waren zu hören und haben eindeutig gesagt: Nazis sind hier nicht willkommen", so der Ratsvorsitzende. Der evangelische Pfarrer Martin Schmelzer sagt, dass für ihn selbstverständlich sei zu zeigen, dass die Leute die da durch die Straßen ziehen, nicht so viel Rückhalt in der Gesellschaft haben wie sie meinen zu haben. Es sei aber sehr bedenklich, dass es vielen Menschen egal ist.